PHOTOGRAPHIE Andreas Lobe

Wie wir zu helfen versuchen

 

„Wer angekettet wird wie ein Hund, der wird zum Hund“, mahnt Gregoire Ahongbonon die Dorfbewohnern der Elfenbeinküste.

Nach ihrer Befreiung gehen die Kranken einen langen Weg zurück in die Normalität. Ihre Augen müssen sich an die Helligkeit gewöhnen, ihr Körper lernt das Stehen und Laufen neu. Sie hatten häufig Abfall zu essen bekommen, jetzt müssen sie sich auf normale Nahrung umstellen. Sie müssen ihre Sprache wieder finden und die Gesellschaft anderer Menschen ertragen lernen.

Die ersten Monate verbringen die Patienten in vier „Willkommenszentren“, die St.Camille betreibt. Schutzzonen, „Aufwachräume“, wo man sie zunächst wäscht, ihre Fingernägel schneidet. Sie von Parasiten und Würmern befreit. Sie begegnen hier oft zum ersten Mal Psychiatern und Ärzten, die ihre Krankheitsbilder zu erkennen versuchen. Im Unterschied zu den miserablen staatlichen Krankenhäusern und den Heilern ist die Behandlung und Unterbringung bei St.Camille für die Patienten kostenlos. So kritisch der Einsatz von Psychopharmaka berechtigterweise in Europa diskutiert wird, so segensreich wirken sie oft bei diesen Patienten, von denen viele mit ihrer Hilfe wieder ein normales Leben führen können.

Ebenso wichtig aber ist die Integration in die Patientengemeinschaft. Hier gibt man ihnen wieder die Hand, umarmt sie, spielen Kinder mit von der Kette befreiten Frauen. Allmählich beginnen die Kranken Verantwortung innerhalb der Gemeinschaft zu übernehmen. Das System „Dorfgemeinschaft“ beginnt zu wirken. Die sechsfache Mutter Brou, deren Befreiung wir vor vier Jahren beiwohnten, arbeitet nun etwa als Chefköchin für ein „Willkommenszentrum“ in Bouaké.

Zur langfristigeren Behandlung dienen Rehabilitationszentren. Sechs gibt es bislang in der Elfenbeinküste und dem Benin. Dort lernen Patienten, ihr Leben langsam wieder in die eigene Hand zu nehmen. Sie werden in einfachen Handarbeiten ausgebildet, im Weben, dem Anbau unterschiedlicher Wirtschaftspflanzen und der Aufzucht von Schweinen und Hühnern. Für diese Arbeit werden sie entlohnt – oft das erste selbst verdiente Geld ihres Lebens.