Text einblenden/Text ausblenden

Kettenmenschen.de - Reportagen
„Zurück in die Freiheit“
von Christine Keck, 2011 in Chrismon

Fotos von Heinz Heiss

„Die Kettenmenschen“
von Wolfgang Bauer, erschienen 2003 in Focus

Fotos von Andreas Lobe


Kettenmenschen.de - Reportage "Zurück in die Freiheit"
von Christine Keck

André Dembele spricht mit den Toten. Er ruft ihre Namen in die Dunkelheit seiner fensterlosen Lehmhütte hinein. Sie sind die einzigen, die noch mit ihm reden. Die ihn nicht auslachen, weil er in der Einsamkeit die Worte vergessen hat, und er nur noch leise wimmern kann, unterbrochen vom Klappern der aufeinanderschlagenden Zähne.

Wenig trennt ihn von einem Toten. Bewegungslos hockt er in der Schwüle auf seinem Bett, inmitten von Exkrementen und schwirrenden Fliegen. Ein Skelett, das von Pergamenthaut überzogen ist, mit gelben Fingernägeln wie Krallen. Nur selten hebt sich das Tuch an der Türöffnung und er bekommt eine Blechschale mit gestampftem Maniok oder etwas Wasser hereingeschoben. Die Enkel hat er nie kennen gelernt, die Beerdigung des Vaters fand ohne ihn statt. So hungert er seit 20 Jahren in seinem Kerker.

Es war sein eigener Bruder, der ihm eine Eisenstange zwischen die Knöchel geschraubt hat. Sorgfältig fixiert mit zwei Manschetten, die längst von Rost überzogen sind. Er sei besessen, sind sie sich einig im Dorf, und fürchten sich vor den Dämonen, die den Kirchgänger, fleißigen Plantagenarbeiter und Familienvater in einen Unberechenbaren verwandelt haben. In einen, der andere schlug und sie anbrüllte, wenn ihn wieder eine psychische Krise belastete.

„Nehmt euch in Acht vor dem Verrückten“, warnen die Alten im Dorf Kemena in Burkina Faso, und die Jungen hören darauf. Schon die bloße Berührung eines Epileptikers, eines Schizophrenen, eines Manisch-Depressiven könne dazu führen, dass die teuflischen Geister überspringen auf die Gesunden, behaupten sie. Und deshalb machen sie in ganz Westafrika das mit den Kranken, was sie mit den Hunden niemals machen würden: Sie sperren sie zu Tausenden und Abertausenden weg, ketten sie an, schlagen sie mit Metallklammern in Holzstämmen fest. Die Verrückten gelten als Aussatz der Gesellschaft – eine soziale Isolation wie sie in früheren Zeiten auch in Europa weit verbreitet war und das nicht nur auf dem Land. Die Angst vor den Geisteskranken ist nichts Neues.

Der Tag der Hoffnung für André Dembele beginnt mit einem Wolkenbruch. Ein Donnern, das die Kinder zum Weinen bringt, Blitze, schäumende rote Erde, die Savanne ertrinkt im Regen. Der 49-Jährige, der aussieht wie ein Greis, weiß nicht, dass seine Retter nur noch wenige Stunden von seinem Verlies entfernt sind. Eine katholische Delegation aus dem Nachbarland Elfenbeinküste, mit Medikamenten im Gepäck und zu allem entschlossen.

Die Irren von den Ketten zu schneiden, trauen sich nur wenige. Sie zu berühren, gar zu umarmen und Tausenden eine neue Heimat zu geben, so verrückt ist in Westafrika nur ein einziger – Gregoire Ahongbonon. Ein Mann so stattlich wie ein Mangobaum. Ein ehemaliger Taxifahrer, der von seinem Glauben angetrieben wird. „Jesus ist mir auf der Straße begegnet“, erzählt der sechsfache Familienvater, „halbnackt, verwahrlost, in Gestalt eines Verrückten.“ Seither sammelt der Laienprediger und Direktor der katholischen Vereinigung St. Camille de Lellis die psychisch Kranken auf seinen Reisen ein, fährt im Geländewagen in die Dörfer und Städte, um der Kettenseuche ein Ende zu bereiten.

In einer Kapelle in Bouaké, der zweitgrößten Stadt der Elfenbeinküste, hat Ahongbonon bescheiden angefangen. Die Kranken schliefen neben dem Altar, Freunde steckten ihm Spenden zu. Das Projekt St. Camille ist längst gewachsen und die chronische Finanznot mit ihm, denn öffentliche Gelder gibt es nicht. Kleine Vereine in Deutschland, der Schweiz oder Kanada helfen nach Kräften. Doch manchmal geht sogar der Reis aus. Verteilt über das ganze Land betreibt der Afrikaner zehn Zentren, vier weitere im benachbarten Benin. Und in Burkina Faso hat er von der katholischen Kirche ein Grundstück geschenkt bekommen, das er bald bebauen will. Die Zentren sind Krankenstation, Ersatzfamilie und Zufluchtsort zugleich, in knapp zwei Jahrzehnten boten sie 15 000 Menschen Unterschlupf, momentan leben dort 1150. Nicht nur Maisbrei und Mangos gibt es kostenlos, auch die Medikamente, die der Psychiater verschreibt, werden umsonst verteilt. Wer kräftig genug ist, kommt in die Rehazentren, wo an Webstühlen oder in der Bäckerei gearbeitet wird. Andere gehen aufs Feld oder lassen sich in den Schneidereien ausbilden.

Immer wenn sein Handy klingelt, schaut Gregoire Ahongbonon der Jungfrau Maria in die Augen. Die hat er als Bildschirmschoner geladen. Und es klingelt ständig. Mal ist einer aus dem Justizministerium dran, der seinem Freund gratuliert, weil er einen Bericht über ihn im Fernsehen gesehen hat. Mal muss er Lebensmittelbestellungen koordinieren oder er erhält einen Tipp, wo sogenannte Prediger den Besessenen die Dämonen austreiben wollen.

Ihre Macht ist der Gebückten im blumigen Wickeltuch nicht anzusehen. Ein fester Händedruck könnte ihr die Knochen brechen, so scheint es, doch die Alte hat Kraft in den sehnigen Fingern. Genug um die Neuankömmlinge im Gebetszentrum des Dorfes Botro zu begrüßen, genug um anderen die Ketten anzulegen. Sie nennt sich Prophetin, ist Vertreterin der evanglisch-protestantischen Kirche CMA, die das Land mit ähnlichen Zentren flächendeckend überzogen hat. Die Alte verkündet, alles heilen zu können durch die Kraft der Gebete, Befreiungstänze und durch tagelanges Fasten: Aids, Krebs, psychische Erkrankungen aller Art.

Die Würde hat sie Marcellin Kouassi Kouadio genommen, die halb zerfledderte Bibel im Plastikumschlag hat sie ihm gelassen. Er hält sie fest umklammert in seiner Rechten, als wolle er Zuversicht aus ihr herauspressen. Mehr als das Buch, ein Laken und die Kleider an seinem Leib besitzt er nicht. Vor seinen Wutausbrüchen hat der 32-Jährige mit den sanften Augen Kühlschränke und Klimaanlagen repariert, jetzt sitzt er angekettet an einem Baum. Sein Vater, hilflos und gläubig, hat ihn hergebracht und wieder verlassen. Mit einer Plastikplane trotzt er den tropischen Sturzbächen vom Himmel, ein Eimer dient als Toilette. „Ich habe Hunger“, sagt er.

In den ersten Tagen hat Marcellin Kouassi Kouadio bis zur Heiserkeit geschrieen, weil er hoffte, dass ihn jemand im Dorf nebenan hören würde. Er hat sich in der Falle gewunden, am Eisen gezerrt und gezogen, bis er die Schmerzen nicht mehr aushielt. Es war ein ungleicher Kampf. Einer, bei dem der Verlierer von Anfang an feststand. Dann wollte er singen – auch das haben sie ihm verboten. Irgendwann in den zwei Monaten ist er stiller geworden.

„Ich liebe Gott“, flüstert er, als Gregoire Ahongbonon mit dem Schlüssel kommt und sich zu ihm auf den Bastmatte setzt. Ein Klick im Vorhängeschloss. Sein Gesicht zeigt keine Regung. Apathisch steht er auf, schleppt sich Schritt für Schritt vorwärts, er muss das Gehen neu lernen.

Die Prophetin dreht sich weg, will nicht hören, was Gregoire Ahongbonon sagt. „Es ist gesetzlich verboten, Kranke an die Kette zu legen“, redet er ihr ins Gewissen. „Es ist ein Verbrechen so etwas im Namen Jesu zu machen“, schimpft er laut und seine Stimme erreicht auch die entfernteste Lehmhütte. Den Kranken am Arm, die Kette in der Hand will er das Gebetszentrum verlassen. „Die gehört uns, die haben wir bezahlt“, greift die Alte vergeblich nach der Eisenfessel. Sie grummelt wütend den Eindringlingen hinterher.

Die Pseudopropheten wollen sich nicht das Geschäft vermasseln lassen. Sie kassieren fürs Beten. Sie nehmen die Familien der Kranken aus, profitieren von deren Überlastung und Ängsten. Die Angehörigen sind froh, die Unheilbringer in vermeintlich segensreiche Hände geben zu können und verschulden sich hoch, um die Sektenchefs zu bezahlen.

Die Begrüßung ist stürmisch, als der Geländewagen am späten Nachmittag im Empfangszentrum in Bouaké ankommt. Drei Bewohner fallen Ahongbonon um den Hals, einer klatscht vor Freude in die Hände. Der Chef von St. Camille hat viele Gesichter. Für manche der Kranken ist der 57-Jährige ein Vater, einer, dem sie blind vertrauen. Aber Ahongbonon ist auch Spendensammler. Er geht mit einer schweren Eisenkette in einer Plastiktüte auf Vortragsreisen nach Kanada, Frankreich oder nach Deutschland, wo ein Reutlinger Freundeskreis ihn unterstützt. Er wurde beim Entwicklungsausschuss des Europäischen Parlaments in Brüssel vorstellig oder nahm einen Menschenrechtspreis der Stadt Padua entgegen.

Für Gregoire Ahongbonon ist es eine Heimkehr, für Marcellin Kouassi Kouadio ein Neuanfang. Der Befreite wird von emsigen Händen vom Geländewagen gehoben, gewaschen, geschoren und neu gekleidet. Die Schüssel Reis und ein Becher Wasser sind seine erste Mahlzeit an diesem Tag. Aufrecht sitzt er auf einem Stuhl im Empfangsbüro, wo ihm Gregoire den Arm um die Schultern legt. „Du bist schön“, sagt er ihm ins Gesicht und schaut ihn lange an. Kouadio blickt traurig zurück. Er sagt nichts, legt sich in einem der Gruppensäle schlafen.

Fast alle in den Zentren wissen, wie es sich anfühlt, wenn sich die Kette strafft. Sie haben die Stimmen im Kopf gehört, sie kennen das Gefühl, wenn sich der Körper in einem Anfall zuckend aufbäumt. Die Helfer, die Pfleger, die Köchinnen, die meisten von ihnen sind ehemalige Kranke. Auch der Leiter des Männerzentrums, der nicht nur das Büro managt, sondern auch abends im Schlafsaal nach dem Rechten schaut. Zehn Jahre lag er im Eisen, darüber spricht er offen. Seine Freundin, mit der er einen Sohn groß zieht, war in Gefangenschaft über Monate vom eigenen Cousin missbraucht worden. Sich zu wehren, hätte es nur schlimmer gemacht, erzählt sie. Wer glaubt schon einer Verrückten, wenn sie andere beschuldigt. Es könnte alles erfunden sein. Für die Peiniger sind Frauen am Eisen leichte Beute.

Eine Heimat auf Zeit soll St. Camille sein. Doch zurück in die Familien schaffen es nicht alle. Manche sabbern auch nach Jahren noch dumpf vor sich hin und werden wohl für immer in Ahongbonons Obhut bleiben. Sie reißen sich Tag für Tag die Kleider vom Leib, stopfen sich Sand in die Münder. Vergessen von den Angehörigen. Andere erholen sich rasch. Sie arbeiten in der Küche mit, können den Hof fegen oder sich um die Schwächeren kümmern. Nach einigen Monaten, mitunter nach Jahren werden sie wieder in ihre Dörfer gebracht. In katholischen Krankenstationen erhalten sie alle paar Wochen Medikamente und einen Piekser in den Po – die Depotspritze mit Psychopharmaka nimmt ihnen die Wahnvorstellungen.

Ein Kranker ist nachts über die Mauer des Empfangszentrums geklettert. Ahongbonon schickt kurz nach Sonnenaufgang einen Suchtrupp los, um den Verwirrten einzufangen. Er selbst hat keine Zeit, er muss in das Dorf Assalé Kouassikro im Osten des Landes. Eine junge Frau namens Veronique wird dort gefangen gehalten, hat ihm ein neuer Patient berichtet. Ahongbonon setzt sich in den Geländewagen. Mit Tempo Hundert schanzt er über die Schlaglöcher im Asphalt.

Wie ein Schmetterling aus einem Kokon schält sich Veronique aus ihren Bastmatten heraus. Sie will die Besucher besser sehen. Erst der Kopf, dann fühlergleich zwei dürre Arme, der ausgehungerte Rumpf. Sie zieht sich das hochgerutschte Baumwolltuch über die Scham, fasst sich an den Ohrring aus Plastik.

Ihre Feinde sind die lachenden Kinder, ihr Schutz ist der riesige Baum, dessen faltige Wurzeln ihr als Behausung dienen. In eine Mulde zwischen den Ästen macht sie ihr Geschäft, in einer anderen liegt der Müll – ausgetrocknete Mangoschalen, Plastikreste. Gleich daneben ist die Kette eingeschlagen, an der Veronique schon lange nicht mehr zerrt, drei Jahre hängt sie daran. Sie nimmt einen Stein in die Hand, droht damit auf die Kinder zu werfen, die im Kreis um sie stehen. Ein schrilles Lachen. Sie lässt sich auf die Matten fallen und verkriecht sich wieder darunter.

Die Autorität des Dorfes ist der Heiler und der ist verreist. Er habe Veronique an den Baum gebunden, nur er könne sie freigeben, erklären die Ältesten. Sie sind aufgebracht, weil Fremde im Ort sind, weil Gregoire Ahongbonon den Heiler um seine Einnahmequelle bringen könnte. Denn für die Behandlung mit Pflanzen und Talismännern, mit wundersamen Kräutern und Zaubersalben müssen die Angehörigen jeden Monat bezahlen. Es hilft kein Drohen und kein Reden, die Männer bleiben stur und Veronique am Baum. Die ganze Heimfahrt über schweigt Ahongbonon schlecht gelaunt vor sich hin.

Es sind die Erfolge, die dem Befreier der Kettenmenschen über solche Tage hinweghelfen. Die Geschichten derer, für die es eine Zukunft nach der Gefangenschaft gibt. Für Menschen wie Monique Brou N’Goran, eine betagte Dame in weißer Bluse und Goldkette, die Ahongbonon zwei Tage später zuhause besucht. Ihr Geschäft an einer der Nebenstraßen in der Hauptstadt Yamassoukra läuft nicht schlecht, die 63-Jährige verkauft Palmöl in einer kleinen Holzbude. Manchmal klettert eine ihrer Enkelinnen auf ihren Schoß oder ihre Tochter ruft sie zum Mittagessen in die gemeinsame Wohnung.

„Mir geht es gut“, versichert sie mit einem schüchternen Lächeln und ist froh Gregoire Ahongbonon wieder zu sehen. Er bringt ihre eine Tüte mit Medikamenten. Die spritzt sie seit dem Tag vor sieben Jahren, als sie aus einem Gebetszentrum befreit wurde.

Die rote Schaumkrone auf dem Sand ist wieder verschwunden, der Himmel ein strahlend blaues Lachen. Es staubt, als ob es nie geregnet hätte, als wären die Seen nichts anderes als eine Fata Morgana gewesen. André Dembele, der Mann, der mit den Toten redet, schaut ungläubig auf das Stemmeisen, das in seine Hütte getragen wird. „Tut mir nicht weh“, fleht er und kneift die Augen zusammen. Es ist ungewöhnlich hell in der Hütte, der Vorhang am Eingang ist zurückgeschlagen, die Eisenstange auf den Boden gefallen. Kurz zögert er noch, dann steht er auf und schwankt in die Freiheit.

Zurück nach oben



Kettenmenschen.de - Reportage "Die Kettenmenschen"
von Wolfgang Bauer

Die Welt ist eine Bestie, im schwarzen Kasten des Radios nistet sie. Wenn du den Atem anhältst, ganz leise bist, leiser als die Falter, denen die Nacht gehört, hörst du ihre Verwünschungen. Die Welt zischelt, wispert, sie quält. Sie will dir den Schädel brechen und dein Blut saufen. Vor zwei Jahren, als er dem Rauschen des Radios lauschte, hat sie den Plantagenarbeiter Joseph Yao Kouadis grausam angefallen. Weißer Schaum klebt auf seinen Zähnen, weit aufgerissen ist sein Rachen, der Schizophrene wälzt sich im Staub, winselnd, hechelnd, brüllend vor Angst und Wut. Das Weiße der Augen hat er nach vorne gekippt, die Pupillen starren in den Schädel, das sicherste, unsicherste, das verwirrteste Asyl. Joseph ist ein kluger Mann, der weiß, dass er in der Falle steckt. Der Staub auf seinem Körper ist sein Leichentuch.

Der Wahnsinn der Welt zerrt an Joseph Yao Kouadis, noch wehrt er sich. Heiser zerfetzt seine Stimme die Stille des Tages und der Nacht. Langsam, Monat für Monat, wird sein Schreien schwächer werden. Die Menschen haben den 28-Jährigen auf die Lichtung eines Zuckerrohrfeldes in der Elfenbeinküste verbannt. Dort führt sein bedrängter Verstand einen einsamen Kampf. Josephs rechter Fuß ist an einen Betonzapfen gekettet. Zwei Schritte kann er gehen, einen halben dritten noch, dann spannt die Kette.

Das Elend psychisch Kranker ist nirgendwo so groß wie in Westafrika. Sie werden gehalten wie wilde Tiere, in dunkle Verliese gesperrt, angekettet, sie verrotten bei lebendigem Leib, Zehntausende von ihnen. Ihre Angehörigen sind überfordert, alle tun es, die Nachbarn, der Polizeipräsident.

Diese Geschichte handelt von der Vernunft. Es gibt Menschen, die ihr vertrauen. Ein Fehler.

Josephs Mutter steht mit verschränkten Armen vor ihrem Jungen. Ihr Gesicht ist ein Panzer aus Ekel. Die Pastoren einer evangelischen Freikirche hatten ihr vor einem Jahr geraten, den Schreienden hierher zu bringen, an den Ort der Gnade Gottes, wo man Krankheiten alleine mit der Kraft des Gebetes heilt. Fünfstündige Marathonmessen, mittwochs und samstags, halten die Pastoren, Andachten direkt bei den Kranken, wenn sich deren Zustand wieder einmal besonders verschlechtert. Dämonen sind in sie gefahren, sagen die Priester. Ihre Apostel, junge Männer mit Stöcken, knüppeln die bösen Geister. Die Dämonen vertragen keine Schläge, daher müssen die Prügel hart sein, ausdauernd, dann schweigen die Geister irgendwann.

Seine Mutter hatte die Kirchenmänner gebeten, ihn an die Kette zu legen. Josephs Verhalten macht ihr Angst. Erst vor zwei Tagen ließ sie ihn frei, sofort aber benahm er sich wieder eigenartig. Er tanzte durch die Hütten, wild, ekstatisch, wirbelte um seine Achse, nach einem Jahr der Fesselung, er sang. Da bekam es die Mutter erneut mit der Angst. Zwei Männer überrumpelten den tanzenden Joseph, mit viel Mühe zwangen sie ihn zurück ins Eisen. Seither liegt Josephs Brüllen wieder über dem Gebetszentrum. Die Familie der Kranken zahlt den Pastoren Behandlungsgebühren, sie sind billiger als staatliche Krankenhäuser, und trotzdem reicht es für die Ernährung der Kranken hinterher kaum. Überall in Westafrika existieren diese „Centre Prière“, Gebetszentren der evangelisch-protestantischen Kirche C.M.A, einer Gründung amerikanischer Missionare.

Am Rande des „Centre Prière“ von Bouaké, zweitgrößte Stadt der Elfenbeinküste, gibt es fünf knorrige Bäume. An deren Wurzeln hängen braun-rostige Ketten, daran Vorhängeschlösser. Einige sind außer Gebrauch, Spinnen und Asseln haben ihre Nester in ihnen gebaut. Andere glänzen in der Sonne, blank gerieben vom Fleisch, das sie jahrelang banden. Zehn mit Haut überzogene Gerippe krümmen sich dieser Tage unter den Kettenbäumen von Bouaké. Ihre Haut, ob jung oder alt, wird im Laufe der Jahre rindenhaft, rau und rissig. Sie verwachsen mit dem Holz, der Körper verliert ein, zwei Kilogramm jeden Monat, bis nur Knochen übrig bleiben, nicht viel mehr. Die Angeketteten verbringen den Tag regungslos. Eine Mutter von drei Kindern wird von zwei schweren Vorhängeschlössern an der Wurzel gehalten. Ihre jüngste Tochter brachte sie an den Baum. Die Familie hat sie abgesandt, für die Mutter zu sorgen. Einmal am Tag reicht sie ihr eine Konservenbüchse mit gestampftem Mais. Die Mutter klagt, dass ihre Tochter sie schlage. Eine schwarze Plastikfolie, die sie bei Regen über den Kopf zieht, ist ihr einziger Besitz.

„Die Leute meinen, ich sei verrückt. Ich weiß es nicht. Vielleicht wurde ich verhext.“ Ein schmerzendes Schulterblatt hindert sie am Schlafen. Manchmal durchrollen sie Anfälle, die die Festgebundene auf den Rücken werfen. Minutenlang hebt und senkt sich dann ihr gestreckter Körper. Die Kette reißt ihr am Fußgelenk, und von den Hütten der Angehörigen dringt das übermutige Lärmen spielender Kinder.

Ärzte sind hier nicht wohlgelitten, hier gibt es nur Gottesmänner, der oberste heißt Prosper, was man mit „wohlhabend“ übersetzt. Auf einem Liegestuhl döst er vor seinem Haus, ab und an knien Gläubige nieder und bitten um Segen. „Jesus“, legt Prosper seine Hand müde auf die gesenkten Häupter, „ich, Prosper, dein demütiger Diener, bitte dich. Sage mir, wie man diesen Menschen helfen kann.“ Prosper besitzt ein waches, misstrauisches Auge, das andere ist durch ein gelähmtes Lid halb verdeckt. Ängstlich suchen die Gläubigen um Audienzen nach, Ex-Präsidenten und Polizeioffiziere zählen zu ihnen, eine Woche im Voraus ist Prosper ausgebucht. Wer ihm mehr Geld zusteckt als die anderen, kommt früher dran.

Kette und Gebet gehören für ihn zusammen. „Sonst hauen die Verrückten ab. Sie hören nicht die Messe und fasten nicht.“ Dass viele Kranke unter dieser Prozedur elendig verrecken, kalkuliert er ein. Die Depressiven, Senilen, Anfallskranken und Schizophrenen seien gestorben, macht er den Angehörigen weis, „weil der Glaube in ihnen schwach war“.

Prospers Gegenspieler, der ihm das mörderische Geschäft mit dem Wahnsinn vergällen will, der Einzige im Land, den die Pastoren zu fürchten haben, ist Grégoire Ahongbonon, 50. In grauer Mao-Kluft, aber ebenfalls mit der Bibel unterm Arm, kämpft er seit 20 Jahren gegen die Kettenseuche in Westafrika. „Hunde kettet man an. Wenn man kranke Menschen ankettet, werden sie dadurch nicht geheilt. Sie werden dadurch wie Hunde.“ In einer Region, in dem jeder körperliche Kontakt zu Geisteskranken gemieden wird, weil Wahnsinn als ansteckend gilt, sind solche Sätze revolutionär.

Ein Zufall führte Ahongbonon zu seinem ersten Kranken. In einem lichtlosen Verhau ließ ihn seine Familie verfaulen. Maden in Ohren und Nase, im Fleisch der Oberarme und Oberschenkel grauer Baustellendraht. So straff und so lange fesselte der Draht den Mann, bis er sich tief in dessen Körper gefressen hatte. Bauch und Beine trugen grün-schwarze Flecken der Verwesung, und doch atmete dieser Mensch noch. Hilflos stand Ahongbonon davor und wusste nicht, wie den Mann vom Draht lösen. Lange versuchte er es, und als es ihm schließlich gelang, starb der Mann. Seitdem befreite Ahongbonon, der früher Taxifahrer war und zum Katholizismus konvertierte, 2500 Menschen.

Sechs Zentren betreibt seine Association Saint Camille de Lellis rund um Bouaké. Er gründete Auffangstationen, in denen den Neuankömmlingen nach Jahren, Jahrzehnten der Gefangenschaft der Filz vom Kopf geschoren wird. Wo mit der Säge ihre Zentimeter langen, brettdicken Klauen gekürzt werden. Wo man unter dem Dreck das herausschrubbt, was vom Körper noch übrig blieb. Es gibt einen Psychologen, der ihre Krankheit erforscht, ihnen Medikamente verschreibt. Ahongbonon baute vier Rehabilitationszentren, mit einem winzigen Budget von 30 000 Euro ernährt er 950 Menschen, selbst in Afrika ein finanzieller Hochseilakt. Die ehemaligen Kettenmenschen pflanzen Yam-Wurzeln und Zuckerrohr, sieden Seife, züchten Hühner. Das Wichtigste jedoch: Man reicht ihnen wieder die Hand.

Ahongbonons Fahrten durch die Elfenbeinküste sind Reisen an die Grenzen menschlicher Psyche. Der Kassettenrekorder des Jeeps eiert die immer gleiche heitere Kirchenmusik, das hält den chronisch Übermüdeten wach. Eine 50-jährige Frau hat er heute dabei, sie kehrt in ihr Dorf zurück, wo sie mit beiden Beinen 15 Jahre im Holz war, wie man hier sagt. Der Ältestenrat des Dorfes hatte es beschlossen, zwei Männer sägten ein enges Loch in einen Stamm, zwangen Adingra Siata hinein und vernagelten die Öffnungen mit Eisen. Von ihrer Familie aufgegeben, vegetierte die Gefangene im Schutt eines verfallenen Hauses, als Ahongbonon sie fand. Unrat aß sie und Fliegen. Ihre Tochter hatte schon das Leichentuch gekauft. „Lass die liegen. Die ist doch so gut wie tot!“ sagte einer der Nachbarn.

Schüchtern, strahlend aber, herausgeputzt mit neuen Kleidern, sitzt sie auf der Rückbank. Die lange Gefangenschaft deformierte ihren Rücken, bogenförmig ist er verkrümmt, bis zur Hüfte kann sie sich aufrichten. Vor Nervosität übergibt sie sich. Wie werden die Leute auf sie reagieren? Siata war vier Jahre in Gregoires Zentrum, einmal in der Woche schluckte sie ein Psychopharmakon. In dem Maße, wie sie es zuließ, wurde sie integriert. Das ist Ahongbonons Auffangzentrum eigentlich: Ersatz für die Dorfgemeinschaft, dessen Bewohner, Männer, Frauen, Kinder, ihren Alltag weitgehend eigenständig organisieren. Alle Leiter sind ehemalige Kranke, die jahrelang angekettet waren. Siata kochte in der Frauenrunde, kümmerte sich um Kinder, spielte mit ihnen. Allmählich fand sie neues Gleichgewicht.

Siatas Mutter schlägt die Hände vors Gesicht. Unangekündigt ist Ahongbonon ins Dorf gefahren. Zaghaft, mit zwei Fingern, berührt die Mutter die Hand ihrer Tochter. „Sie erkennt mich!“ beginnt die Alte zu weinen. „Ein großes Wunder!“ raunen die zusammengelaufenen Bewohner. Siata begrüßt sie alle mit Namen, fragt, wie es ihnen geht. Als sie im Holz war, beharkte sie jeden mit schlimmsten Obszönitäten. Ihre Augen glotzten, ihr Körper stank schlimmer als der eines Kadavers. „Das war einmal“, sagt Ahongbonon der Dorfversammlung. „Streicht Siata, wie sie war, aus eurem Gedächtnis. Sie ist wieder gesund, eine von euch. Behandelt sie auch so. Ich will kein Geld von euch. Ich will nur, dass ihr nie wieder einen Kranken ins Holz sperrt.“ In den Augenwinkeln der Dörfler sitzen Zweifel.

Im Nachbarort wissen sie von einer Frau, die seit Jahren angekettet in einer dunklen Hütte haust. Wie lange genau, vermögen die Angehörigen nicht zu sagen, einer sagt, drei Jahre, der andere zehn. Nur ein schmaler Spalt unter der Holztür lässt Licht in die Finsternis. Die Haut der Frau ist bedeckt von Kot und Dreck. Sie stinkt grauenvoll. Ahongbonon ringt mit dem Erbrechen. Ein Fuß ist an einen Baumstamm gekettet, bis vor kurzem steckte dort auch ihr Arm in einer rostigen Eisenklammer. Der Stamm ist drei Meter lang, von schwarzem Hautfett und Flöhen überzogen. Ahongbonon gibt ihr eine Beruhigungsspritze, befreit sie, führt sie zum Jeep, wo sie während der Rückfahrt immer wieder ins Polster uriniert. Im Zentrum in Bouaké wird sie als Erstes ihre Reisportion mit dem eigenen Kot verrühren und hastig verzehren. Eine alte Gewohnheit.

Die Rückfahrt nach Bouaké verzögert sich ein weiteres Mal. Bei einem Stopp erfährt Ahongbonon von einem Mann, der vom ältesten Bruder weggesperrt worden sei. Nur wenige Häuser entfernt sitzt Sie` Kouane, 47, mit übereinander geschlagenen Beinen in einer Hütte. Um das linke Handgelenk haben seine Verwandten eine Eisenklammer in das Holz geschlagen, fünf Zentimeter breit, vier Zentimeter hoch. Die Fingernägel sind messerlang. „Ich habe in letzter Zeit etwas abgenommen“, betrachtet er grübelnd den Arm in der Klammer. Wer er sei, fragt Ahongbonon. Mit der Langsamkeit eines Reptils hebt er seinen Kopf und schaut ihn stirnrunzelnd an. „Haben Sie schon einmal vom höchsten Wesen gehört? Das bin ich.“

Der Mann, der sich für Gott hält, arbeitete bis vor zehn Jahren als Beamter im Landwirtschaftsministerium in der Metropole Abidjan. Der Stolz des Dorfes. Zu ihm kamen die Leute, wenn sie Rat und Unterkunft brauchten. Doch dann wurde er krank. „Wissen Sie“, erzählt er in der beißenden Luft seines Verlieses, „mir wurde das alles zu viel. Ich habe mich überarbeitet, das war 1991. Seitdem ist Leiden, nur Leiden. Ich verstehe das nicht. Vielleicht muss das höchste Wesen leiden, denke ich mir manchmal. Und dann denke ich wieder, nein, das ist falsch, es kann auch glücklich sein.“ Sié litt unter Depressionen, das Ministerium kündigte ihm. Im Dorf lief er ruhelos umher und schimpfte viel. „Er hat unseren Onkel mit einer Machete angegriffen“, rechtfertigen sich seine Brüder. Den alten Frauen im Dorf habe er das Essen gestohlen. Drei Jahre schon hockt er jetzt auf seiner alten Aktentasche und kann weder stehen noch liegen.

Fünf Männer braucht es, um den Baumstamm nach draußen zu transportieren. Das Tageslicht brennt Siè in den Augen. Schwach sind sie in den Jahren der Dunkelheit geworden, klagt er. „Ich kann keine Buchstaben mehr lesen.“ Ahongbonon lässt die Metallsäge aus dem Wagen holen. Das halbe Dorf verfolgt ´gebannt die Szene, Kinder drängeln um die besten Plätze. Ohne Verletzungen löst Ahongbonon die Haut vom Holz. „Du kommst jetzt mit“, nimmt er den Mann in den Arm, der noch lange danach fassungslos die Innenfläche seiner Hand anschaut. Seit Jahren hat er sie nicht mehr gesehen.

Ihn einfach umzubringen wäre menschlicher gewesen, räumen seine Brüder ein. Versündigen wollten sie sich aber nicht. Und freilassen konnten sie ihn nicht. „Jetzt ist er schwach, aber dann wäre er wieder stark geworden. Das ist das Problem“. Die ersten Tage in Bouaké sind für Sié ein Schock. Aus seiner Einsamkeit wird er in einen Schlafsaal mit 25 Menschen katapultiert, links und rechts wälzen sich Kranke. So viele Bewegungen, so viel Geräusch. „Ich halte das kaum aus. Ich bin es nicht mehr gewohnt, unter Leuten zu sein.“ Den Akt der Befreiung beobachtete er gelassen, fast gelangweilt, als sei er ein gänzlich Unbeteiligter. Nun gerät er aus dem Gleichgewicht. Verloren sitzt er draußen auf einer Bank, reibt sich unruhig die Schläfen. Sein Kopf ist tief zwischen den Beinen versunken. Aufmunternd legen andere Kranke ihre Hände auf seine Schulter. Unter der Kruste seiner Seele regt sich etwas. Es sind die Wehen der Wiedergeburt: Nach langer Abwesenheit kehren Gefühle zurück. Den Anfang macht die Verzweiflung.

Zurück nach oben

Zurück zur Bildübersicht
Bildbeschreibung ausblenden/einblendenBildbeschreibung
Eine Angekettete im Gebetszentrum des Pfarrer Prosper.
Kettenmenschen.de - Hintergrund Reportagen